†. Prolog
Wenn du, wie ich, als Waise, aufwächst, gibt es einige Regeln, die du schon früh lernst: Halte dich im Hintergrund, um Schlägen zu entgehen, die besten Abfälle findest du bei Bäckern oder Wirtshäusern, bestiehl niemanden, der schneller ist, als du. Dies alles sind Ratschläge, die deine Überlebenschancen erhöhen. Doch eine Regel gab es, die ich als junger Mann nie zu schätzen wusste:
„Betrüge niemanden, dessen Macht du nicht einschätzen kannst.“
Sicher, das hört sich ganz logisch an, aber sind wir ehrlich. Wenn du jung bist, fühlst du dich stark, schlauer als alle anderen, unbesiegbar… Ja, dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, ob du als Prinz, als Handwerker, als Waise oder, wie in meinem Fall, als Zauberer geboren worden bist.
Nein, so stimmt das nicht ganz. Als Zauberer unter Muggeln fühlst du dich gottgleich. Doch wie jedem Heranwachsenden werden dir irgendwann deine Grenzen aufgezeigt. Du stellst fest, dass auch du Schwächen hast, dass auch du bluten kannst und dass auch du sterben musst.
Der Tod… ein amüsantes Thema, nicht wahr? Sicher gefällt dir die Bezeichnung „amüsant“ nicht, aber lass es mich dir erklären. Trennen wir uns zuerst einmal von diesem negativ behafteten Begriff. Nennen wir ihn doch „den großen Gleichmacher“. Langsam erkennst du sicher, worauf ich hinaus will.
Wie mit der Jugend ist es mit dem Tod, Verzeihung, dem „Gleichmacher“. Ein jeder fürchtet ihn. Der König kann ihn nicht bestechen, um sich oder seine Angehörigen von ihrem Ende freizukaufen. Der Gelehrte kann nicht berechnen, wann sein Ende kommt, der Händler nicht um weitere Lebensjahre feilschen. Genau das fürchten jedoch die Menschen. Es ist ungewiss, wann das Ende kommt, doch es ist sicher, dass es kommt. Der Tod ist nicht manipulierbar, nicht überlistbar, nicht umkehrbar. So ist das Gesetz des Kosmos und es hält die Welt im Gleichgewicht. Manche würden es Schicksal nennen.
Doch stets versucht der Mensch sein Schicksal zu ändern. Er kann nicht akzeptieren, dass es Dinge gibt, die über seinen Horizont hinausgehen und kennt dabei keine Grenzen.
„Betrüge niemanden, dessen Macht du nicht einschätzen kannst.“
Noch heute sehe ich meinen Lehrmeister vor mir stehen, wie er mir diese Worte eintrichtert, nachdem ich einen Unbekannten mittels Magie um ein kleines Vermögen erleichtert hatte.
„Diese Regel gilt für dich ganz besonders. Du hast Kräfte, die über die eines Normalsterblichen hinausgehen, das weißt du. Das macht dich aber nicht unbesiegbar. Nein, es macht dich verletzlich. Gerade Männer wie du es bist können sich nicht damit abfinden, dass ihnen Grenzen gesetzt werden. Das verleitet sie dazu, zu experimentieren… und mit den Naturgesetzen experimentiert man nicht.“
Damals fragte ich mich, jung und naiv wie ich war, wo der Zusammenhang zwischen einem simplen Betrug und den Naturgesetzen sei, doch heute erkenne ich die tiefere Bedeutung hinter jenen Worten und diese lautet:
„Betrüge niemals das Schicksal“
Ja, ich sehe wie du gerade skeptisch eine Augenbraue hebst, aber glaube mir; das Schicksal kann betrogen werden und es wurde auch schon einmal betrogen, doch die Folgen konnte damals niemand erahnen…
Hätten wir doch nur damals schon von den Folgen des Bruchs gewusst…. Hätten wir doch nur damals diesen simplen Rat aus der Gosse befolgt… Wie viel Leid hätte verhindert werden können, wie viele gute Menschen würden heute noch leben.
Aber ich greife vor. Lass mich dir eines meiner gefährlichsten und zugleich prägendsten Abenteuer erzählen, ohne welches ich heute nicht der wäre, der ich bin.
Es begann alles vor Jahrzehnten tief im Herzen Englands. Die Geschichte war im Wandel, ein Krieg zu Ende, vieles musste aufgebaut werden, vieles war unwiederbringlich verloren, darunter auch etliche Menschenleben. Familienangehörige, Freunde, Geliebte, die Welt trauerte und freute sich zugleich. Die Verluste waren hoch, ja, aber es gab Hoffnung, Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Und so beachtete kaum jemand einen ganz bestimmten Waisen, für den das Schicksal eine besondere Rolle vorgesehen hatte. Sein Erscheinungsbild war mehr als gewöhnlich, Schwarzes ungepflegtes Haar, der Körper ausgezehrt von den Folgen des Krieges, doch unendlich dankbar überlebt zu haben.
Wenn dieser Junge an die letzten Tage des Krieges zurückdachte, kroch ihm eine unsagbare Kälte unter die Haut. Er war dabei gewesen, als die Heere bei der letzten Schlacht aufeinander prallten. Er hatte die Schrecken der Schlacht hautnah miterlebt und er war es gewesen, der tödlich getroffen zu Boden sank.
Aber er lebte, wie und warum war ihm ein Rätsel, doch das war ihm auch egal. Für ihn zählte nur die Tatsache, dass er weiterleben dürfte, ihm eine zweite Chance geschenkt wurde. Einige Reisende redeten hinter vorgehaltener Hand über ihn, den Betrüger, der so tat, als er sei gestorben, andere glaubten fest an ein Wunder, doch zu der Zeit hatte ich schon genug gesehen und zu wissen.
Wunder gibt es nicht, aber Magie. Und so reiste ich in jenes entlegene Städtchen, in dem dieser Junge leben sollte. Ich wollte aufklären, wie er es angestellt hatte, möglicherweise von ihm lernen. Den Tod bezwingen, ja, das war ein faszinierender Ausblick, für den ich gern zahlreiche Mühen auf mich nahm.
Heute schelte ich mich einen Narren. Die Aussicht auf Unsterblichkeit machte mich blind. Dieser Junge hatte ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen. Er war gestorben und dennoch atmete er weiter.
Genau davor hatte mich mein Lehrmeister gewarnt. Unwissentlich hatte dieser Zauberer mit seiner Magie Kräfte in Gang gesetzt, die vor Jahrtausenden wohlwissend weggesperrt worden waren.
Die Aufzeichnungen darüber waren natürlich verloren gegangen, ebenso nahezu alle Erzählungen, doch in einem Satz lebte diese Legende weiter.
„Betrüge niemanden, dessen Macht du nicht einschätzen kannst.“
Diese allgemein gehaltene Weisheit entstand aus einer eisernen Regel, die vor Ewigkeiten in Vergessenheit geraten war:
„Betrüge niemals den Tod“
Doch der Tod war betrogen worden und so begab es sich, dass nach dem Krieg noch weitaus größeres Leid auf die Menschen zukam, da das Siegel gebrochen worden war.
Denn der Tod fordert immer seinen Tribut…